• Sandra Borkowsky

Norweger Geschirr - (k)eine Anleitung


Warum du deinem Hund kein Norweger nähen solltest und wieso es nie richtig sitzt - Jetzt mal Klartext!

Zugegeben, auch ich habe es schon getan, wie so viele Anfänger und Unwissende. Auch ich habe schon Norwegergeschirre genäht. Zwar nie für meine eigenen Hunde, aber im Auftrag für Kunden. Etwas suspekt waren sie mir immer, aber die Nachfrage war da und wieso sollte man ein millionenfach im Einzelhandel verkauftes System hinterfragen? Man lernt dazu, man bildet sich weiter und irgendwann habe ich mich entschlossen, keine Norweger mehr zu nähen. Natürlich kommen die Anfragen trotzdem, die wenigsten haben Verständnis für diese Entscheidung und wenden sich dann eben an jemanden, der ihren Wunsch erfüllt. Ich bin immer bei meiner Meinung geblieben und versuche seitdem aktiv über das Norweger aufzuklären. Schon vor einigen Monaten bin ich daher auf die Tierphysiotherapeutin Brigitte Jost aufmerksam geworden. Ihre Bilder und Videos zum Thema Geschirr allgemein, aber vor allem auch zum Norweger, sind auf Facebook eingeschlagen wie ein Blitz. Es lohnt sich auf jedem Fall auch ihrer Facebook Seite zu folgen, gerade als Selbernäher. Die Infos die sie dort teilt sind wirklich gold wert.

Deshalb freue ich mich umso mehr, dass ich sie für ein Interview hier exklusiv auf Pfotenprunk gewinnen konnte. Am Ende des Artikels findest du Brigittes Kontaktdaten und ein Bild von mir zu diesem Thema, dass du kostenlos auf deiner Seite einbinden kannst!

Sandra: Hallo liebe Brigitte! Ich freue mich, dass ich heute eine solche Expertin im Bereich Tierphysiotherapie interviewen darf. Du bist ja auf Facebook viral gegangen durch deine Beiträge zum Thema Bewegungsablauf des Hundes. Insbesondere die detaillierten Darstellungen mit verschiedenen Geschirrarten sind unglaublich wertvoll und sehr aufschlussreich für Selbernäher. Erzähl bitte einmal was du als Physiotherapeutin genau machst und wie du dazu gekommen bist, bevor wir tiefer in das Thema einsteigen. Brigitte: Hallo Sandra. Also zur Tierphysiotherapie bin ich auf Umwegen gekommen. Schon als Kind wusste ich, dass ich später entweder etwas mit Zeichnen oder mit Tieren arbeiten möchte. Mein erster Beruf, den ich direkt nach der Schule erlernte, war dann Hochbauzeichnerin. Einige Jahre arbeitete ich in der Architektur und Innenarchitektur, bis mir bewusst wurde, dass ich nicht bis zur Rente auf einem Bürostuhl sitzen will. Ich wünschte mir etwas dynamischeres und abwechslungsreicheres. Schliesslich begann ich mit knapp 30 Jahren noch einmal eine 4-jährige Ausbildung zur Physiotherapeutin und ein paar Jahre später konnte ich mir meinen Kindheitstraum erfüllen und in einer erneuten 2-jährigen Weiterbildung den in der Schweiz geschützten Titel «Tierphysiotherapeutin mit eidgenössischem Diplom» erwerben. Aktuell arbeite ich noch immer 80% als Humanphysiotherapeutin und 20% mit Tieren, vorwiegend mit Hunden. Sowohl bei den Menschen als auch bei den Tieren gibt es vielfältige Beschwerden und Probleme, die mit Physiotherapie behandelt werden können. Viele Hunde bekommen nach Operationen wie Hüft- Knie- oder Ellbogenoperationen Physiotherapie. Oder auch nach Verletzungen, die nicht operativ versorgt wurden. Auch bei Arthrose oder anderen Gelenkbeschwerden können wir helfen, bei Schwächezuständen nach Krankheit, bei Altersbeschwerden, unklaren Schmerzen oder unklaren Veränderungen des Bewegungsablaufes, im Sport und bei vielem mehr. Nach ausführlicher Anamnese und Befundaufnahme lösen wir Therapeuten Verspannungen, Verklebungen oder blockierte Gelenke, wir mobilisieren versteifte Gelenke, wir zeigen, wie man kräftigen oder die Ausdauer und Leistungsfähigkeit aufbauen kann und wir kennen unterschiedlichste Methoden zur Schmerzreduktion. Wir können dem Tier durch Taping Unterstützung geben und kämpfen gegen Wassereinlagerungen mittels Lymphdrainage. Seit meiner Diplomarbeit «Halsband versus Brustgeschirr» ist auch das Thema Brustgeschirr bis heute sehr wichtig geworden in meiner Arbeit. Ich mache Geschirrberatungen und werde auch ab und zu für Vorträge und Schulungen zu diesem Thema angefragt. Sandra: Das nenne ich mal einen Berufswechsel um 180°! Man spürt förmlich wie du deinen Beruf liebst und an deinen Postings merkt man, wie sehr dich das Thema Geschirr beschäftigt. Ich würde in diesem Interview gerne tiefer mit dir in die Thematik ‚Norweger-Geschirr‘ einsteigen. Ich habe früher selbst aus Unwissenheit Norweger genäht, deshalb ist mir heute die Aufklärung innerhalb meiner Community besonders wichtig. Die Meinungen zum Norwegergeschirr gehen ja ziemlich auseinander und oft findet man widersprüchliche Pro und Contra Argumente im Internet. Deshalb möchte ich gerne mit dir die größten Mythen rund ums Norweger aufklären. Kommen wir zum ersten und am häufigsten genannten Punkt. Wenn Norweger beworben werden, wird meist behauptet, dass sie den Hals entlasten. Im Gegensatz zu Halsband oder Führgeschirr, die direkt am Hals anliegen. Bei Zugbelastung wird der gesamte Druck auf die Brust umgeleitet und kann so die empfindliche Halspartie nicht belasten. Ist das wirklich so? Brigitte: Ich kenne dieses Argument vor allem im Vergleich mit Halsbändern. Es liegt ja auf der Hand, dass Halsbänder nicht zum Ziehen oder für Zugarbeit gemacht sind, und dass ein ständiger Druck gegen die Luftröhre auf Dauer schädigende Wirkungen haben kann. Ich denke, dass deswegen die Entwickler und Promoter der Norwegergeschirre so stolz darauf sind, nach vielen Jahren, in denen man nichts anderes als Halsbänder kannte, eine Alternative geschaffen zu haben, die diesen Druck von der Halspartie wegnehmen soll. Es zeigt sich jedoch ganz klar, dass gerade Norwegergeschirre nicht stabil sitzen. Da der Ankerpunkt für die Leine oben am Rücken liegt, rutsch bei Zugbelastung der Gurt vorne meist über das Brustbein hoch und drückt gegen den Hals. Und das in einem Bereich in dem viele Sehnenansätze und Muskel-Sehnen-Übergänge der Halsmuskulatur liegen. In einem Bereich also, in dem der Körper den Zugkräften nicht viel entgegen zu setzen hat und der Druck gegen Luftröhre und Leitungsbahnen sehr intensiv werden kann. Ein Halsband liegt deutlich höher, auf kräftigen Muskelbäuchen, die durchaus in der Lage sind, die Halswirbelsäule im normalen Gebrauch des Halsbandes zu schützen. Findet man ein Norwegergeschirr, das stabil sitzt und auch bei Zug auf Höhe des Brustbeines liegen bleibt, dann liegt es gleichzeitig auch genau auf den Schultergelenken. Und daraus ergeben sich wiederum andere Probleme. Dass ein Norwegergeschirr die empfindliche Halspartie nicht oder weniger belastet, kann ich nicht bestätigen. Dasselbe gilt natürlich auch für andere Geschirrtypen, die knapp über dem Brustbein in den unteren Bereich des Halses drücken.


Norwegergeschirr am Hund

Halsband am Hund

Sandra: Wenn ich dich richtig verstehe, wäre die Ursprungsidee hinter dem Norweger zwar gar nicht so schlecht, leider wurde sie aber nicht wirklich zu Ende gedacht. Ein gut sitzendes Norweger Geschirr ist also gar nicht möglich. Fast genauso häufig liest man allerdings noch ein weiteres Pro-Argument, das ich sehr interessant finde. Das Norweger hat ja keinen störenden Gurt zwischen den Vorderbeinen. Befürworter betonen, dass der Hund dadurch mehr Bewegungsfreiheit hätte und sensible Tiere durch den Gurt nicht irritiert werden. Die Bewegungsfreiheit haben wir gerade bereits entkräftet, aber was ist mit dem Gurt? Ist ein Gurt zwischen den Beinen, wie z.b. bei einem Führgeschirr, so schlimm für den Hund? Brigitte: So generell lässt sich das nicht beantworten. Es gibt tatsächlich Hunde, die sehr sensibel sind zwischen den Vorderbeinen und die dort nichts tolerieren. Das ist jedoch eher eine Ausnahme und es würde sich bei solchen Hunden sicher lohnen, abzuklären, warum das so ist. Warum besteht die Überempfindlichkeit? Gibt es dafür psychische oder physische Gründe? Eine Rippenblockade? Alte Verletzungen im Brustbereich? Wenn es wirklich nicht anders geht, ist das Norwegergeschirr eine Möglichkeit, einen Hund zu führen ohne einen Gurt zwischen den Vorderbeinen. Jedoch überwiegen für mich die Nachteile dieses Geschirrtyps so sehr, dass ich das nur in absoluten Ausnahmefällen empfehlen würde. Es gibt übrigens auch Hunde, die kein Halsband tolerieren. Meist hängt das mit einer schlimmen Vergangenheit zusammen. Solche Hunde waren oft angebunden an kurzen Ketten oder Seilen, die am Hals Schmerzen zufügten, oder sie waren sogar bewusst am Hals aufgehängt worden. Auch die Unverträglichkeit von Berührung im Brustbereich kann mit einem psychischen Trauma zu tun haben. Sandra: Apropos Ausnahmefälle. Häufig sind Halter von Mops, Bulldogge und ähnlich gebauten Hundetypen davon überzeugt, dass gerade für ihre Rasse nur diese Geschirrform sinnvoll ist. Gibt es wirklich solche Ausnahme Hunde(Rassen für die, durch ihre Körperbau bedingt, das Norweger besser ist als andere Geschirrarten? Brigitte: Nein. Ausser dem bereits angesprochenen Umstand, dass ein Hund keinen Steg oder Gurt zwischen den Beinen haben darf, gibt es in meinen Augen kein Argument dafür, Norweger zu benutzen. Weder Rasse noch Körperbau bedingt das. Sandra: Ich weiß, dass wir in der Pfotenprunk Community eine ganze Reihe lieber Nähanfänger haben, die für Ihren Hund nur das Beste wollen. Häufig wird aber ein Norweger als Anfangsprojekt gewählt, da sie sehr einfach zu nähen sind. Natürlich kommt danach oft die Frage auf, ob das Norweger denn richtig sitzt. Könntest du aus deiner Sicht als Tierphysiotherapeutin darlegen, was genau die Problematik mit dem Sitz des Norwegers ist?

Brigitte: Das Problem ist vor allem der Quergurt vorne über die Brust. Es gibt im Grunde nur drei Möglichkeiten, wie oder wo dieser Gurt sitzen kann. Entweder er sitz genau auf dem oberen Ende des Brustbeins, wo eigentlich jedes andere Geschirr auch sitzen sollte. Dann verläuft er aber gleichzeitig auch genau über die Schultergelenke, welche dann beim Laufen ständig an diesem Gurt reiben.

Normaler Sitz des Norweger Geschirrs - Bild: Brigitte Jost

Oder aber er sitzt leicht über dem Brustbein und drückt dann bei jedem geringen Zug an der Leine gegen die Luftröhre. Ausserdem verläuft er dann auch quer über die vordere Kante des Schulterblattes und hemmt das Schulterblatt in seiner Bewegung. Der Hund muss bei jedem Schritt gegen das Geschirr arbeiten.

Brustgurt zu hoch / Norweger Geschirrs - Bild: Brigitte Jost

Aber auch Geschirre, die im Stand noch wie auf Bild 1 über dem Brustbein liegen, rutschen in der Regel beim Ziehen nach oben und drücken dann auch gegen die Luftröhre.

Norwegergeschirr am Hund

Wenn das Geschirr etwas zu gross ist, sitzt es manchmal unterhalb der Schultergelenke und verläuft dann quer über die Oberarmknochen.

Brustgurt zu niedrig / Norweger Geschirrs - Bild: Brigitte Jost

Der Hund kann sich mit wenig Mühe in wenigen Sekunden aus dem Geschirr heraus winden.

Hund windet sich aus Norwegergeschirr - Bild: Brigitte Jost

Aber auch der Gurt rund um den Bauch sitzt sehr oft viel zu nah am Oberarm des Hundes oder dann viel zu weit hinten. Dies, weil die Länge der Quergurten bei diesem Geschirrtyp in der Regel nicht verstellbar ist. Kurz gesagt: «gut sitzende» Norwegergeschirre existieren eigentlich gar nicht. Sandra: vielen Dank für diese detaillierte Ausführung. Ich hoffe, dass wir so noch viel mehr Hundefreunde und vor allem Selbernäher aufklären konnten und sie zukünftig zu passenderen Geschirrformen für Ihren Hund greifen. Möchtest du der Community noch einen letzten Rat mit auf den Weg geben? Brigitte: Für mich ist es immer wichtig, dass aus dem Thema keine Religion gemacht wird. Unsere Hunde sind sehr verschieden in Körperbau, Charakter, Psyche, in ihren Talenten und im Temperament. Das ultimative Geschirr, das für alle Hunde passt, gibt es nicht. Auch schränkt jedes Geschirr den Hund auf irgend eine Art ein und behindert ihn in seiner Freiheit. Nicht nur Halsbänder, sondern auch Brustgeschirre belasten das Skelett und den Bewegungsapparat. Der Brustkorb des Hundes ist lange nicht so stabil wie unserer. Ich denke, das muss man sich bewusst sein. Das Ziel soll es sein, für jede Persönlichkeit unter den Hunden immer die optimalste Lösung zu finden. Für einen Hund, der ohne zu ziehen an der Leine läuft und der ausserdem oft frei läuft, ist unter Umständen ein Halsband das Beste. Ein Hund der an der Schleppleine spazieren geht, oder der ängstlich oder sehr temperamentvoll ist, sollte hingegen ein Brustgeschirr tragen. Sowohl bei Halsband als auch Brustgeschirr sollten weiche Materialien gewählt werden, am besten unterpolstert. Es sollten keine Ringe, Steckschliessen oder andere Metallteile direkt auf dem Hundekörper liegen. Das Geschirr darf nicht scheuern oder einengen. Besonders hinter den Achseln liegen Geschirre oft zu nah am Vorderbein, wodurch das Bein bei jedem Schritt am Bauchgurt reibt oder der Gurt sogar in die Achselfalte drückt. Aber am wichtigsten ist in meinen Augen, dass bei der Wahl eines Brustgeschirrs immer darauf geachtet wird, dass kein Material auf dem Bereich der Schulterblätter liegt, dass sich das Schulterblatt frei bewegen kann und die Schultergelenke vorne an keinem Gurt reiben. Das Norwegergeschirr gehört zu den wenigen Geschirrtypen, die genau das nicht erfüllen. Darum kann ich aus physiotherapeutischer Sicht diesen Geschirrtyp nicht empfehlen.



Als Alternativen zum Norwegergeschirr solltest du dir unbedingt einmal die anderen Anleitungen ansehen. Überlege dir vorab ob ein Halsband oder Geschirr besser für deinem Hund geeignet ist. Wenn du selbst auf Maß nähst, kannst du ganz individuell an den Körperbau deines Hundes anpassen. Du kannst auch als kompletter Anfänger das Selbernähen auf Pfotenprunk lernen.


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